Andreas Heertsch
Es ist Samstag morgen. Ich stehe am Fusse des Niessen am Thuner See. Die Sonne scheint bereits, wenn auch etwas scheu, auf die klar sich abzeichnenden Gipfel von Jungfrau, Eiger und Mönch und weckt die Täler aus ihrer nächtlichen Feuchte. Hier bin ich noch nie geflogen. Deshalb will ich mich lieber der Flugschülergruppe meiner ehemaligen Flugschule anschliessen. Aber keiner ist zu sehen. Hoffentlich bin ich nur zu früh! Denn das Licht verheisst einen spannenden, wohl nicht allzu gefährlichen Tag. Warum bin ich denn eigentlich gekommen? Ist es die Sehnsucht nach Herausforderung? Dieser schöne Tag könnte doch mit einem Absturz enden. Muss ich denn wirklich fliegen? Alle mir Nahen versetzt mein Vorsatz in Sorge. Aber die Angst zu überwinden, dem Gewohnten ferner, dafür der Natur näher zu sein, sich nur mit Schirm und Notschirm „bewaffnet“ ihr auszuliefern, das reizt mich. Oder sind es die Momente, in denen die Thermik trägt, und ich mich in stillen Kreisen in die Höhe tragen lasse? Aber die Angst ist auch da: Während ich neulich über Grindelwald geflogen bin, ist ein Pilot zu Tode gestürzt, weil er beim Starten gestolpert ist und sein Schirm ihn dann – bereits vom Wind erfasst – über die Hangkante in den Abgrund gerissen hat. Und auf La Palma bin ich selbst auf einem Flug in ein turbulentes Luftgebiet gekommen: Erst raschelt es über mir, dann falle ich einfach in einer Spirale nach unten: „Klapper“ heisst das in der Fachsprache, die turbulente Luft hat aus meinem Schirm ein Stoffknäuel gemacht. Glücklicherweise hat sich der Schirmrechtzeitig wieder geöffnet.
Ja, die Flugschüler sind tatsächlich gekommen. Nun sitzen wir mit Micha, dem Fluglehrer, auf der Terrasse des Gipfelrestaurants und warten, bis die Sonne den Boden soweit erwärmt hat, dass sich über ihm die warme Luft ablöst und aufsteigt. Gegen elf Uhr brechen wir endlich zum Startplatz auf. Vorher steigen wir aber noch auf den Gipfel, um den Landeplatz zu sichten: „Seht ihr dort die Autobahn?“ Ein dünnes Doppelband liegt in der Ferne vor der eindrucksvollen Kulisse des Thuner Sees. „Da gibt es eine Häuserreihe, die gehört noch zu Spiez, nebenan seht ihr ein helleres Grün, das ist ein Maisfeld, wer da drin landet wird mit Schrot beschossen.“ Wir lachen unsicher. In der Ferne irgendwo ein etwas dunkelgrüneres Stückchen soll der Landeplatz sein. Ich habe schon einmal einen Landeplatz nicht gefunden und bin in der Luft herumgegeirrt zwischen Hochspannungsleitungen und Seilen von Sesselliften. Wir steigen wieder etwas hinab zum Startplatz. Jeder sucht sich ein freies Hangstück, auf dem er seinen Gleitschirm auslegen kann. Von nun an ist jeder für sich selbst verantwortlich. Wenn ich die Leinen nicht sorgfältig ordne, wird der Start misslingen. Da wir uns alle warm anziehen und einen Helm tragen, bedeutet ein Startabbruch im harmlosesten Fall, die 20 kg Schirm und Gurtzeug schweissgebadet wieder bergauf zu schleppen. Im schlimmeren Fall gibt es einen unbemerkten Leinenüberwurf oder einen Knoten in den Leinen: Die Manövrierbarkeit des Schirms ist dann sehr eingeschränkt. Das kann gefährlich werden. Viele machen jetzt noch verstohlen schnell ein „Angstbiseli“.
Ich habe meinen Schirm am oberen Teil des Hangs ausgebreitet und alle Leinen sorgfältig ausgelegt, mein Gurtzeug, in dem ich dann in der Luft sitzen werde, angelegt und auf sicheren Sitz überprüft. Nun liegt der Schirm hinter mir und ich habe die Leinen in meinen Händen. So stehe ich da: Jetzt muss ich nur noch starten. „Nur“! Und wenn nur eine der 30 Leinen doch falsch liegt? Ich drehe mich nochmals um, sehe aber nichts dergleichen. Und wenn sie beim Aufziehen des Schirms einen Knoten bilden? – „Ja, dann tun sie's eben!“ denke ich und hoffe gleichzeitig, dass es keinen Knoten geben wird. Jetzt startet gerade mein Nachbar links. Erleichtert (schliesslich habe ich einen Grund, dass ich noch nicht starten muss) lasse ich die Arme etwas sinken. Mein Blick geht den steilen Hang hinunter. Wer da stolpert! Dort, zehn Meter entfernt, ist mein „Point of No Return“: Bis dahin muss ich in der Luft sein oder den Start abgebrochen haben, sonst werde ich den Hang hinabstürzen. Eigentlich spricht nichts dagegen, dass ich jetzt starte. – Nun, der Wind könnte wohl noch etwas besser sein.
Dieser „einfache“ Entschluss: Ich muss ja nur ein paar Schritte machen, mich nach vorn neigen und mich kräftig gegen den zurückziehenden Schirm drücken, dann werde ich den Boden unter mir verlieren – und fliegen. Ich weiss! Aber dadurch habe ich die Schritte ja noch nicht gemacht. So stehe ich da, und nichts passiert, nur der Wind fächelt in mein Gesicht. Erst laufen meine „wenn’s“ und „aber’s“ um die Wette, dann schweife ich ganz ab: „Point of no Return“! Früher habe ich gesagt: Wenn ich mal gross bin, dann ... Jetzt warte ich für das „dann“ schon auf die Pensionierung.
Es hilft nichts: Ich stehe immer noch da. Die Bedingungen sind o.k.. Gurtzeug ist geprüft und sitzt; Wind von vorn und nicht zu stark, Luftraum ist frei. Also... Ich verzichte nun auf meinen Kopf und seine Bewertungen. Ich denke nur noch: JETZT! Und nun will ich einfach: Ich beuge mich nach vorne und laufe los. Es raschelt hinter mir, die Leinen drücken gegen meine Hände und ich merke, wie sich der Schirm mit Luft füllt und wie eine viel zu grosse Kapuze hinter mir aufsteigt. Nun ist er über mir, das Vorwärtslaufen geht jetzt einfacher. Aber bevor ich richtig lossprinte, ziehe ich an den Bremsleinen und mache einen Kontrollblick nach oben: Ist der Schirm gleichmässig offen? Noch drei Schritte bis zum „Point of No Return“. Ja: es sieht gut aus! Also Bremsen los und “Go, go, go!” Nach ein paar Schritten trete ich ins Leere: Der Schirm zieht mich in die Luft. Sicherheitshalber laufe ich auch in der Luft noch ein Stück weiter, aber der Hangwind weht ruhig, ich muss kein Durchsacken befürchten. Jetzt sind schon sechs, sieben Meter unter mir. Ich trete in meinen Fussgurt und ziehe mir so den Sitz unter mein Gesäss. Endlich kann ich aufatmen: Der Start ist geglückt! Nun heisst es fliegen.
Mit einer Linkskurve versuche ich mich nah am Hang zu halten, da hier am ehesten Thermik zu erwarten ist. Das Vario (Instrument, das Steigen durch Piepsen und Sinken durch Knurren anzeigt) gibt beunruhigende Knurrlaute von sich. Wenn das so weitergeht, dann kann ich gleich den Landeanflug beginnen, denn bis Spiez muss man noch einige Kilometer fliegen. Wenige hundert Meter abseits vom Hang sehe ich ein kleines Wölkchen etwas oberhalb von mir. Es bildet sich gerade. Soll ich es anfliegen? Der Abwind wird bis dahin wahrscheinlich noch zunehmen, ich also weiter an Höhe verlieren. „Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Also anfliegen! Ich ziehe an meiner rechten Bremsleine und gehorsam dreht der Schirm nach rechts ab. Tatsächlich, das Sinken nimmt zu. Oh, oh. Micha hat uns ein Haus am Hang genannt, wenn wir auf der Höhe dieses Hauses sind, heisst es Landeanflug: „Sonst steht ihr irgendwo in der Pampa“. Nun, viel Höhenreserve habe ich nicht mehr, drei Kreise könnte ich vermutlich noch fliegen, dann ist es soweit. „Aber Hurra!“ – Das Wölkchen hält, was es verspricht: Erst neigt sich mein Schirm nochmals nach vorn, schnell in die Bremsen, sonst klappt er mir noch zusammen, und dann tauchen wir, mein Schirm und ich, in die Thermik ein. Das Knurren des Varios geht in ein sich freudig überschlagendes Piepsen über: Wir steigen! So, nun sorgfältig die Thermik zentrieren, nicht herausfallen, denn rund um die aufsteigende Luft gibt es einen Ring mit absteigender Luft. Von Entspannung keine Spur. Aufmerksam versuche ich, immer unter dem sich bildenden Wölkchen zu bleiben. Glücklicherweise ist es so klein, dass ich es wagen kann auch hinein zu fliegen. Wir kreisen hier mittlerweile allein, die Flugschüler haben sich offenbar nicht halten können und bereits den Landeanflug begonnen. Huch, nun ist die Wolke einfach verschwunden und bedrohliches Knurren begleitet uns. Ich fliege die nächsten Wölkchen an. Vergnügt wie „himmlische Kinder“ empfangen sie uns, aber nicht nur ich möchte mit diesen Wölkchen spielen, nein, sie offenbar auch mit mir. Und das tun sie auch: sie lassen uns plötzlich einfach fallen. Aber wir steigen erneut von hinten in sie ein und sie heben uns wieder ein Weilchen, dann weichen sie erneut auseinander und wir sinken, aber diesmal sind wir schneller und heften uns in an ihre Fersen. So ziehen sie uns wieder nach oben. In diesem herzlich vergnügten Treiben, das aber von mir immer wieder den Willen fordert: Nein, ich lasse euch nicht, ihr müsst mich mitnehmen!, sind wir bereits hundert Meter oberhalb des Niesen. Viele Spaziergänger schauen uns vom Gipfelplateau zu. Schliesslich verabschieden wir uns von unseren Wölkchen, fliegen stolz noch zwei Ehrenrunden über die Köpfe der Wanderer. Weil ich mit meinen Händen ständig die Bremsleinen zum Steuern brauche, winke ich ihnen mit meinen Beinen. Nun beginnen wir den langen Landeanflug, endlich kann ich mich entspannen. Jetzt erst merke ich, dass ich ziemlich durchgefroren bin. Ich lehne mich zurück und lasse den Schirm einfach laufen. Herrliche Aussicht über die sonnenbeglänzten Gipfel, unten tiefblau der See.
Wo war doch der Landeplatz? Wir fliegen auf die Autobahn zu. Ich suche nach gelandeten Schirmen. Aus ihrer Lage am Boden kann ich auf die Windrichtung schliessen. Bald drehe ich meine Kreise über dem Landeplatz, um die Höhe abzubauen. Es steht schon ein wenig Bise (Nordwind). Schliesslich Endanflug. Aber wir sind für den plötzlich schwachen Bodenwind viel zu hoch! Zu spät! Bereits haben wir das Ende des Landeplatzes erreicht (die Häuserreihe!), aber immer noch zehn Meter Höhe unter uns, das reicht nicht mehr für einen Vollkreis. Es hilft nichts: wir fliegen noch einen Halbkreis und machen eine Rückenwindlandung hang-aufwärts! Dadurch sind wir schneller, als ich laufen kann. So falle ich bei der Bodenberührung prompt vorn über. Passiert ist nichts, aber das heimliche Gelächter der Flugschüler finde ich eine deutliche Quittung für einen mit den Wolken tanzenden Ikarus.