Im Abgrund scheitern

Andreas Heertsch

"Man stehe am Abgrund" ist in anthroposophischen Kreisen eine gern verwendete Redewendung  und bezeichnet eigentlich die Position unmittelbar an der Schwelle zur geistigen Welt. Allerdings zeigt der Alltag, dass dieses Erlebnis der Ausweglosigkeit der eigenen Lebenssituation auch ohne Schulung heute über wohl jeden nicht zu bürgerlichen Zeitgenossen hereinbricht und dass die Position "am" Abgrund wohl treffender durch "im" Abgrund beschrieben wird.  Wer allerdings nur erkennend in den Abgrund blicken will, wird ihn weder entdecken noch aus ihm herauskommen. Der Abgrund kommt nicht von vorn oder aussen auf die "wohl gewappnete" Seele zu, sondern von hinten und innen und trifft sie unvorbereitet. Wer sich in ihm entdeckt, merkt schnell, dass es mit dem Erkennen nicht getan ist.

Die langsame Schulung

Oft betont Rudolf Steiner, dass man die Übungen, wie sie etwa in "Wie erlagt man Erkenntnisse höherer Welten?" beschrieben sind, fleissig fortsetzen solle, auch wenn zunächst keine Wirkungen für den Schulenden wahrnehmbar seien. Eine auch gefährliche Empfehlung, weil sie dazu führen kann, dass man mit Ausdauer seine Übung in unsinniger Richtung pflegt und – anstatt sich dabei zu beobachten – auf die prophezeiten Ergebnisse wartet. Etwa, wenn beschrieben wird, wie die Besinnung auf ein Samenkorn schliesslich dazu führe, das auch seine (lichtartige) Aura ins Bewusstsein trete, das Samenkorn nun aber einfach nicht zu "leuchten" anfängt. Da diese Folgen gewöhnlich nicht in der erwarteten Art eintreten, wird das, was tatsächlich eintritt, weil es sich nur leise dem noch schwachen Bewusstsein mitteilen kann, übersehen oder für unwichtig erklärt. Nach Jahren fleissigen Strebens kommt Enttäuschung auf: Offenbar hält mich die übersinnliche Welt nicht für würdig.

Anerkenntnis der eigenen Schwächen

Dabei wird meist übersehen, dass sehr wohl Wirkungen auftreten, allerdings solche, die dem Erwarteten diametral zuwider laufen. Die Frage, ob der Strebende denn nicht entdeckt habe, dass er nun in sich auf unangenehme Seiten stosse, beantwortet er gewöhnlich mit: "ja". Aber wehe dem, der sich hier täuschen will: Er wird mitwirken am Stereotyp des "Anthroposophen": Weiss alles besser, hat auf alle Fragen eine Antwort, ist hochnäsig und hält sich für "vorgeschritten". Denn er versucht den zu spielen, der zwar sein möchte, aber eben leider doch noch nicht ganz ist.

Nun gibt es allerdings auch Verfahren, sich vor all diesen aufwühlenden Erlebnissen zu schützen. Als Student bewies mir ein Vertreter einer intensiv erkenntnistheoretisch arbeitenden Gruppe in unausweichlicher Logik, dass ich eine gewisse Erfahrung, die ich gemacht hatte, gar nicht gemacht haben konnte. Ich hatte den Eindruck, dass er sich mit dieser Art von (argumentativem) Denken gegen jede unvorhergesehene Erfahrung abschirmt, obwohl er sich gleichzeitig nach übersinnlicher Erfahrung sehnte. Rudolf Steiner formuliert dies in einer Notizbucheintragung:

"Man soll nicht auf das Erkenntnisdrama
zugunsten einer Erkenntnisgrammatik
verzichten wollen...." (Notizbucheintrag R. Steiner)

Die Schluchten des Abgrunds

Im Mysteriendrama sagt Luzifer, der den Menschen mit seinen Verlockungen von seinen Lebensaufgaben abziehen will, über sich (Rudolf Steiner, Mysteriendramen: Hüter der Schwelle, 6. Bild, S. 345): "Wesen, die mich fliehen, lieben mich." Tatsächlich ist die Flucht vor dem eigenen Abgrund wohl kein Zeichen von souveräner Individualität sondern eher Ausdruck einer gelungenen Selbsttäuschung, die angesichts der im Abgrund möglichen Qualen nicht nur verständlich, sondern, solange die Seele dem nicht standhalten kann, gesunder Selbstschutz ist. Dieser Selbstschutz tritt aber normalerweise nicht in das Bewusstsein, sondern im Gegenteil: die Seele sehnt sich – nichtsahnend – sehr nach übersinnlichen Erlebnissen und hält sich für bereit, dafür alles auf sich zu nehmen.

"Auch die Furcht darf davon nicht abhalten,
dass man in den Abgrund des Individuellen fällt." (Fortsetzung Notizbucheintrag R. Steiner)

Wenn dann aber tatsächlich der Abgrund zu saugen beginnt, dann gehört schon ein gerüttelt Mass an Standvermögen dazu, um nicht die Bahnen des Normalen innerhalb der eigenen sozialen Umgebung zu sehr zu verlassen.

An anderer Stelle heisst es im Mysteriendrama (Rudolf Steiner, Mysteriendrama: Der Seelen Erwachen, 6. Bild S. 481): "Es darf die Seele niemals stürzen wollen; doch muss sie Weisheit aus dem Sturze holen." Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man meinen, man müsse nur die Situation durchschauen, dann werde man schon wieder aufsteigen. So nötig die möglichst gediegene Verarbeitung des Sturzes ist, so gefährlich kann aber die Annahme sein, man müsse nun umfangreiche Erkenntnisse sammeln. Solches Sammeln kann gerade zum heimtückische Hindernis werden, um dem Abgrund zu entkommen. Denn die Zuwendung zu den Tiefen des eigenen Abgrundes vertieft diesen weiter: Die hier lauernden "Tiere" suchen Gelegenheit, sich noch intensiver an mir zu sättigen.

Nun kann man in einem gewissen Sinne durchaus von verschiedenen Abgründen sprechen oder wenigstens von verschiedenen Schluchten des eigenen Abgrunds: Jede Seelenkraft (Denken, Fühlen, Wollen) hat ihre eigene Schlucht. Und entsprechend sind auch die Kräfte verschieden, um aus ihnen wieder aufzusteigen. Diese Schluchten tun sich auf, wenn die Seelenkräfte ihren gewohnten Zusammenhang auflösen, da sie sich  – mindestens teilweise – emanzipieren und selbständig werden. Wer sich in der Schlucht des Denkens verirrt, wird wohl vergeblich versuchen, mit eben diesem Denken wieder aufzusteigen, gleiches gilt für die anderen Seelenkräfte.

Zwar mag einer, "der auszog, das Fürchten zu lernen", annehmen, er müsse im Sinne des obigen Hüter-Zitates, wenn er sich schon in seinem Abgrund vorfindet, sich wenigstens intensiv umsehen, etwa um genau berichten zu können, wie die Gesetze dieser Unterwelt wirken, vielleicht sogar, um später anderen damit helfen zu können. Diese auf den ersten Blick geisteswissenschaftlich anmutende Haltung scheint aber eher eine Suggestion des Abgrundes zu sein, denn es kann sich zeigen, dass das scheinbare "Verweilen" viel mehr ein Verhaftetsein ist, da meine Aufmerksamkeit in dieser Unterwelt Wirkungen auslöst, die mir gefährlich werden können, weil ich  immer mehr Unrat anziehe, auch solchen, der in meinem Abgrund ursprünglich gar nicht "vorgesehen" war. Die unbefangene Beobachtung ist zwar ein Schutz vor Wahnsinn, aber kein Ausweg. Es handelt sich hier durchaus nicht um ein geschlossenes System, das ein festgesetztes Mass an Ballast enthält, vielmehr kann man entdecken, dass eine Art Ernährungsprozess stattfindet. Je mehr Zuwendung diese Kräfte erhalten – und sei es aus noch so "hehren" Gründen – desto stärker werden sie in mich eindringen. Es fühlt sich wirklich wie "Verschlungen werden" an.

Es gibt keinen Weg zurück

Man könnte meinen, ich müsse meine Verfehlungen einfach rückgängig machen, sozusagen, den Weg in den Abgrund einfach wieder zurückgehen, um aufzusteigen. Diese Hoffnung ist bald verloren, weil die Folgen meiner Taten aus dem Abgrund nicht mehr zu löschen sind. Die Tiefen der Schluchten des Willens etwa werden nicht mehr unschuldig verlassen. Es ist ja der Abgrund nicht in einer verborgenen und abtrennten Nische in meinem stillen Kämmerlein, sondern vollzieht sich schuldaufladend mitten im Alltag.

Erstaunlicherweise kann ich den Abgrund nicht dadurch überwinden, dass ich ihn durchschreite. Er ist keine Sackgasse, an deren Ende man umkehren kann, sondern eine Einbahnstrasse, die immer weiter (von mir weg) führt. Es gibt allerdings eine abgründige Suggestion, dass das Weiterschreiten zum Licht führe. Das ist aber deutlich nicht der Fall, denn, bildhaft gesprochen, habe ich das Licht im Rücken und geht nur immer weiter in meinen Schatten hinein. Der alte Spruch per aspera ad astra (durch die Finsternis zum Licht) führt - naiv verstanden - in dieser Situation in die Irre.

Phönix aus der Asche

Der beschriebenen Suggestion entkommt man erst, wenn man entdeckt, dass das johanneische "Metanoeite" (ändert euren Sinn) nicht heisst: "Kehre um und bessere dich", sondern: "Schwinge dich mit einem Satz aus dem Abgrund, indem du dein Bewusstsein (Denken, Fühlen und Wollen) in intensiver ruhiger Gelassenheit auf Themen wendest, die dir in folge der abgründigen Suggestion zuwider geworden sind." Je nach Schlucht sind solche Suggestionen Spott über Geisteswissenschaft (Fühlen), indem etwa die eigene Sicht die anthroposophischer Forschung für lächerlich hält, oder Zweifel (Denken), wenn ich mir selber nicht mehr trauen kann, weil ich in meinem Handeln Widersprüche entdecke, die bereits jenseits des Normalen liegen. Die Suggestion aus den Schluchten des Willens (Furcht) zielt auf das eigene Wesen: "Du bist ausgestossen, unwürdig, wir werden dich richten: Vernichte dich selbst!"

Es gehört auch zu den Suggestionen des Abgrunds, dass ich meine, ich müsste ihn – mit offenem Visier – bekämpfen. Dieser Kampf ist aussichtslos, weil er mich nur immer weiter in die Schluchten hineinreisst. So versuche ich nur, den "Teufel mit dem Belzebub" auszutreiben.

Es scheint, als müsse der Abgrund überwunden werden, nicht aber durchschritten. Das aber heisst, dass ich meinen Blick, meine Perspektive über den Abgrund hinweg richten muss: Es gibt Michael- und Georg-Darstellungen, in denen sie die Dachen "locker im Vorbeigehen" erlegen: Ihr Blick ist vorwärts gerichtet, mitunter sehen sie eine göttliche Hand, an der sie sich orientieren. Der Drache verliert dadurch seinen Einfluss und kann mit einer ganz zerbrechlichen, mit den Fingerspitzen geführten Lanze unschädlich gemacht werden. Allerdings setzen die Tiere der Schluchten alles daran, dass diese Sicht verhindert wird – und es ist erstaunlich, zu beobachten, mit welchem Einfallsreichtum, mit welchen "Tricks" sie die Seele immer wieder anders gefangen nehmen, indem ihre Grundlage der spirituellen Initiative (jener Schopf, an dem sich Münchhausen selbst aus dem Sumpf zieht) unterminiert wird. Aber wenn ich bereit bin, mich meinen Fehlern und Schwächen (Doppelgänger) auszusetzen, dann habe ich mich schon am  Schopf ergriffen, nun brauche ich "nur" noch an ihm ziehen: An allen zersetzenden Wirkungen vorbei den Blick auf eigene Ziele zu wenden setzt schon Entschlossenheit frei, die der Seele das Gleichgewicht und die Selbständigkeit schenkt. Wenn dieser Ruck zur Haltung wird, dann verliert der Abgrund seine Attraktion.

"...denn man steigt aus diesem Abgrund
im Verein mit vielen Geistern auf.
Dadurch wird man aus der geistigen Welt geboren.
Wird selbst Vernichter des Gewordenen,
lebt dieses spiritualisiert dar
und ist anwesend in seiner Vernichtung."
(Schluss Notizbucheintrag R. Steiner)

Vorsicht Ikarus!

"Wenn dieser Ruck zur Haltung wird", ist schnell geschrieben und gelesen, aber der Flug über den Abgrund erfordert Schwindelfreiheit: Wenn ich schwindelnd hinabblicke und erneut angezogen werde, wird der Absturz nicht in einer weichen Landung enden. Allerdings fehlt diesen Schluchten diesmal der Reiz des Neuen, ich treffe die altbekannten Quälgeister, die "nur" ihre gewohnte Taktik weiterverfolgen. Süchte und Gewohnheiten sind eben nicht mit einem einzigen Griff an den Schopf auszulöschen. Allerdings hindert mich wieder nur die (Gewohnheit gewordene) Suggestion der Schluchten, nun zusätzlich neue Gewohnheiten auszubilden, mit denen ich schliesslich locker an den alten, mehr und mehr verkümmernden vorbeizufliegen hoffe...

Es gibt in den Schluchten einen erstaunlichen Trost: Ich kann in jedem Moment meinen Schopf packen und an ihm ziehen (mich auf meine eigentliche Ziele besinnen und ihnen widmen wollen) - und es geht tatsächlich aufwärts - solange ich ziehe. Ausgerechnet in dieser Verlorenheit gibt es die Möglichkeit zum Neuanfang, ein Geschenk, dass ich ergreifen muss, sonst verschwindet es. Aber es gerade hier dieses Angebot gibt, mich zu mir befreien zu können, weist auf ein Licht stiftendes Wesen, das auf mich liebevoll da wartet, wo ich an meinem Ende bin.


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