Die Angst des Wissenschaftlers vor der Imagination

Andreas Heertsch

Als ich vor einigen Jahren im Grossen Saal des Goetheanum in einem Mysteriendrama Rudolf Steiners sass, begann, bevor sich der Vorhang öffnete, in einiger Entfernung von mir ein Wecker elektronisch erzeugte Pieptöne von sich zu geben. Erschrockenes Rascheln des oder der BesitzerIn, bis das Piepen verstummte. Die Szene begann. Nach einigen Minuten erscholl allerdings das gleiche Piepen erneut. Wiederholtes Rascheln, diesmal mit mehr Erfolg: Das Piepen war endgültig verstummt. Um mich eine Atmosphäre von ärgerlichem Schweigen: Man sah möglichst konzentriert auf die Bühne und tat so, als ob nichts gewesen sei.

Märchenhaft

Beim zweiten Piepen hatte ich jedoch den mich überraschenden Eindruck: «Warum hört mich denn keiner?» Ich liess mich also auf ein Gespräch ein, indem ich meinen Arm bereit hielt, als kleine Bank zu dienen, und prompt setzte sich ein Männlein darauf und sah mich mit grossen Augen an. Ich begann ihm zu erklären: «Das ist jetzt gar nicht der richtige Moment, in dem du rufst!» Verdutzt hörte der Kleine zu und – seine Aufmerksamkeit ausnutzend – erklärte ich ihm: «Wir Menschen sehen hier ein wichtiges Schauspiel; da geht es darum, wie Menschen lernen können, dass sie deine Welt auch sehen.» Das Männlein zwinkerte dankbar mit den Augen und schwupp, war es von meinem Arm verschwunden.

Wissenschaftlich

Diese kleine Geschichte läuft Gefahr, beim Leser einen ganz falschen Eindruck zu erwecken. Sie ist nur eine imaginative Erzählung. Nicht, dass es das «Männlein» nicht gäbe, auch «sass» es natürlich auf meinem Arm, aber es hatte kein Gewicht und war ganz und gar unsichtbar. Für sonnige Gemüter ist obige Beschreibung wohl ganz hinreichend, aber für den wissenschaftlichen Verstand sehr unklar, weil nicht deutlich ist, welchen Realitätsgrad das «Männlein» eigentlich hat. Deshalb sei die ganze Situation nochmals bewusstseinsmässig analysiert.

Nach dem zweiten Piepen hatte ich also einen Eindruck, den ich, in Worte gefasst, so wiedergeben würde: «Hallo! Warum hört mich keiner.» Aber die Worte sind nur der sprachliche Ausdruck, um mich dem Leser mitzuteilen, es waren keine Worte zu hören. Entsprechend könnte ich die Stimmung auch ganz anders, etwa in eine auf sich aufmerksam machende Geste übertragen: jemand schwenkt ein rotes Fähnlein. Der Eindruck selbst war für mich überraschend, ich war eigentlich auf die beginnende Szene konzentriert, anschliessend auch bereit, in das allgemeine «Unverschämtheit, einen Wecker piepen zu lassen» meiner Umgebung einzustimmen. Ich habe dann mir aber versuchsweise vorgestellt, es sässe der «kleine Störenfried» auf meinem Arm. Natürlich war da nichts zu sehen gewesen. Weiter habe ich mir vorgestellt: Wenn er da wirklich sässe, was hätte ich ihm dann zu sagen.  Dies erzählte ich ihm dann auch, indem ich innerlich mit ihm sprach, so wie man sonst sich selbst Gedanken erzählt, wenn man etwas gedanklich zu bewältigen sucht. Seine Grösse entsprach der Bedeutung des Geschehens: Er war (für  mich) klein, weil ich die Episode selbst als «nebensächlich» einstufte, und weil sein Verhalten mir keinen «gewaltigen», sondern eher einen lausbubenhaften Eindruck machte.

Die Quelle der dabei dann entstehenden Stimmungen zunächst der Aufmerksamkeit und dann der Dankbarkeit sind jedoch schwieriger zu lokalisieren, da ich ja selber ein Interesse daran gehabt habe, dass mein «kleiner» Zuhörer auch aufmerksam zuhört und sich dann bedankt. Diese Erwartungen können selbst zu Quellen der Einbildung werden: Ich «sehe», was ich erwarte (Projektion).

Die gebildeten Vorstellungen sind hier Hilfsmittel, um die entstehenden Stimmungen oder Eindrücke zu differenzieren und zu entwickeln. Sie sind in ihrer Form ähnlich subjektiv wie Traumbilder, sind also nicht «wörtlich» zu nehmen, sondern wollen gelesen werden, um auf den «dahinter» liegenden Sinn zu verweisen.

Gefühl für die Wahrheit

An dieser Stelle wird deutlich, dass es eine feine innere Wahrnehmung erfordert, um zwischen Projektion und Eindruck zu unterscheiden. Hier setzt denn auch die Kritik des Wissenschaftlers an, der schnell bereit ist zu zweifeln, ob diese notwendige Unterscheidung überhaupt geleistet werden kann. Zumindest für sich selbst wird er meist in Frage stellen, ob auf diese Weise etwas Wirkliches zustande kommen könne. Allerdings hindert er sich mit diesem Vorurteil, überhaupt je eine andere Erfahrung zu machen. Nun wäre er aber gerade aufgrund seiner erkenntniskritischen Haltung geeignet, an dieser Stelle seriöse Untersuchungen zu machen und nicht auf Projektionen hereinzufallen. Leider verhindert jedoch die gängige wissenschaftliche Ausbildung gerade diese Feinfühligkeit, da wissenschaftliche Beweise gewöhnlich äussere Beweise sind, d. h. dieses innere Wahrheitserlebnis nicht selbst zum Thema erheben, sondern mit Beweisketten neue Erfahrungen auf alte zurückführen.

Dass diese Beweisketten selbst auf diesem Wahrheitsgefühl (Evidenz) beruhen, wird dabei deshalb übersehen, weil das Evidenzerlebnis meist durch Schlusstechnik (Logik) ersetzt wird.

Evidenz-Übung

Um auf diesem Felde mehr Sicherheit zu gewinnen, kann eine kleine Übung helfen: Eine Primzahl ist eine Zahl, die nur durch sich selbst und durch 1 teilbar ist. Man kann sich nun klar machen, das 2 die einzige gerade Primzahl ist, weil «gerade» heisst: die Zahl ist durch 2 teilbar. 4 ist also keine Primzahl. Nun kann man versuchen, 4 mit der gleichen Überzeugung als Primzahl zu denken und beobachten, wie das Denkerlebnis verschieden ist: Es ist von der sicheren Einsicht begleitet, es stimmt nicht, es ist willkürlich. Man macht also parallel zwei Erfahrungen: Man weiss (Erfahrung 1), dass es nicht stimmt (Erfahrung 2). Den gleichen Erfahrungsunterschied kann man aufsuchen, wenn man den Unterschied zwischen einem gesehenen Löffel und einem vorgestellten Löffel untersucht. Wer mit diesen Unterschieden in innerer Unbefangenheit umgehen kann, der findet auch das Kriterium zwischen Eindruck und Einbildung zu unterscheiden. Diese Unterscheidung ist schwierig, aber möglich.

Ob man überhaupt Eindrücke hat, ist sicher auch eine Frage der Begabung. Aber Sensibilität lässt dich durch Übungen auch schulen. Allerdings werden die meisten Eindrücke durch Vorurteile verdeckt, sodass sie gar nicht die rechte Würdigung erfahren. Diese Vorurteile werden durch die oben beschriebene Unsicherheit gestärkt: «Es ist doch alles bloss Einbildung.»

Imagination: Wesensbekleidung

Aus dem Beschriebenen kann deutlich werden: bei diesem Ansatz steht am Anfang der Eindruck (Inspiration), den ich mir mit Hilfe der Imagination (Bildgeschichte) zum Bewusstsein bringe. Meine Bilderfähigkeit dient mir, um meinen Eindruck zu differenzieren. Man könnte sagen, ich benutze Bilder, um die sich mir nähernden Wesen zu bekleiden – und merke erstaunlicherweise, ob und in wiefern diese Kleider den Wesen «stehen» oder ob ich sie unvorteilhaft angezogen habe. Im Sinne einer „exakten Phantasie“ Goethes ist die Seele aufgerufen, den sich ergebenden Eindruck in ein möglichst passendes Bild zu prägen und damit den Eindruck zu beleuchten. Rudolf Steiner schildert ein solches Vorgehen in seiner Interpretation der Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz (vgl. Kasten)

Geisteswissenschaft und Psychiatrie

Die Verständigung über den Sinn, der Bildern zugrunde liegt, ist eine Grundlage einer Geisteswissenschaft, die sich an die Stufe des Studiums anschliesst. Dass Wissenschaftler sie kaum betreten, liegt weniger daran, dass die Erfahrungen bei ihnen nicht auftreten sondern hauptsächlich daran, dass diese Erfahrungen eher unauffällig und im Hintergrund der Seele stattfinden und damit nicht durch den Filter der gewohnten Erkenntnisgrammatik hindurchkommen. Die Seele findet sich oft in einem Widerspruch: Einerseits sehnt sie sich nach «übersinnlicher Erfahrung», andererseits verfügt sie über wirksame Abwehrmechanismen, um sich vor der Innigkeit und Verbindlichkeit gerade dieser Erfahrungen zu schützen. Dieser Schutz ist oft wohl ganz berechtigt, weil die Seele über genügend psychische Stabilität verfügen muss, um die eigene Integrität nicht zu verlieren. Mit anderen Worten: Ohne den Hüter der Schwelle, der die Seele am unvorbereiteten Eintreten in geistige Erfahrungen hindert, wäre die Seele gefährdet, mit Vorgängen und Wesen der geistigen Welt so zusammenzufliessen, dass sie, anstatt ihre Eigenheit zu verfeinern, sich ihr fremden Einflüssen überlässt und so in eine Abhängigkeit gerät, die schliesslich psychiatrisch behandelt werden muss.

Offene Fragen

Ich habe hier eine Art geschildert, mit Bildern produktiv umzugehen. Dabei wird deutlich, dass die Bilder selbst keine «Fotos» sind, die Realität 1:1 darstellen, sondern eben Bilder, Bildungen, die nur Ausdruck von Sinn sein wollen, die gelesen werden wollen. Wer untersucht, ob das Männlein nun eine Zipfelmütze auf dem Kopf hat und ob diese Zipfelmütze an ihrem spitzen Ende durch einen Bommel abgeschlossen ist, der gleicht dem Kalligrafen, der die Serifen einer Schrift untersucht, anstatt sie zu lesen. Man muss über den Schrifttyp hinwegsehen, um den Sinn der Schrift zu entziffern.

Neben dieser Art, den Sinn in das Bild zu projizieren, gibt es auch noch andere Arten mit Bildern umzugehen. Einen Ansatz hat Heide Oehms in diesem Forum bereits dargestellt. Ich möchte hier die Frage stellen, ob es eine allgemeinverbindliche, eindeutig gestaltete Bilderwelt gibt, in der ein bestimmter Eindruck von allen entsprechend geschulten Beobachtern gleich gesehen wird, wie wir das für die Sinneswelt gewohnt sind. (Insbesondere bei der Erkenntnis wiederholter Erdenleben lassen die Beschreibungen vermuten, als ob mancher da einen inneren Dokumentarfilm ablaufen sieht.) Für die Beantwortung wäre wichtig, in welcher Bewusstseinsverfassung die Bilder auftreten, d.h wie ist mein Verhältnis zur Sinneswelt während der Schau? Treten sie auf wie Vorstellungen/Erinnerungen? Wie weit bin ich beim Zustandekommen der Bilder selbst beteiligt? Wer liefert das Material für die Bilder?

 

Imagination: Beleuchtung der Geistwesen mit eigenem Licht

Beim übersinnlichen Wahrnehmen ist eine viel regere, bewußtere Betätigung der Seele vorhanden als beim sinnlichen. – In dem Falle des Wanderers zur «Chymischen Hochzeit» wird diese Betätigung durch den Bildekräfteleib ausgeübt, wie im Falle des physischen Sehens durch den sinnlichen Leib vermittels der Augen. Diese Tätigkeit des Bilde-kräfteleibes läßt sich vergleichen mit der Erregung von ausstrahlendem Licht. Solches Licht trifft auf das sich offenbarende Geistwesen. Es wird von diesem zurückgestrahlt. Der Schauende sieht also sein eigenes ausgestrahltes Licht, und hinter dessen Grenze wird er das begrenzende Wesen gewahr. <...> Das Geistwesen hat objektive Wirklichkeit; das Bild, durch das es sich offenbart, ist eine durch das Wesen bewirkte Modifikation in der Ausstrahlung des Bildekräfteleibes. <...> Der Träger der Imagination fügt diese zu dem bezeichneten geistigen Wesen oder Vorgang mit derselben inneren bewußten Freiheit hinzu, mit der ein Wort oder ein Satz als Ausdruck für einen sinnlichen Gegenstand gebraucht wird. Es kann derjenige, welcher keine Erkenntnis von dem Wesen der geistigen Welt hat, auf den Gedanken kommen, daß es völlig unnötig sei, diese in bildlosen Erfahrungen sich offenbarende geistige Welt in Imaginationen zu kleiden, die den Schein des Visionären hervorrufen. Dem ist zu erwidern, daß zwar nicht die Imagination das Wesenhafte ist, das geistig wahrgenommen wird, daß sie aber das Mittel ist, durch das dieses Wesenhafte in der Seele sich offenbaren muß. So wenig man eine sinnliche Farbe ohne bestimmte Tätigkeit eines Auges wahrnehmen kann, so wenig kann man ein Geistiges erleben, ohne daß man von innen heraus ihm mit einer bestimmten Imagination begegnet. Dies hindert nicht daran, bei der Darstellung geistiger Erlebnisse, die durch Imagination gemacht sind, sich reiner Begriffe, wie sie in der Naturwissenschaft oder Philosophie üblich sind, zu bedienen.

Aus: Rudolf Steiner Die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz in GA35