|
|
|
Home |
Frank Berger, geb. 1955 in Stuttgart. Bis 1994 tätig als Musiker, Publizist und Übersetzer. Jetzt Verlagsleiter im Verlag Urachhaus. Vier Kinder. Herausgeber des Buches oben erwähnten Buches Andreas Heertsch, geb. 1953 in Hannover, Studium der Physik in Göttingen, 1981 Studien- und Forschungsjahr an der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum in Dornach/Schweiz. Seit 1982 in der Forschung im Verein für Krebsforschung, (Institut Hiscia) Arlesheim/Schweiz tätig. Seit 1985-1999 Leiter des Zweiges am Goetheanum. Ein Kind. Ahriman und ich
|
|
Gleich nach der Schule mußte ich ein Programm für ein Laborgerät zubereiten. In dieser Zeit saß ich oft ca. 40 Stunden/Woche hinter dem Bildschirm. Dabei habe ich die Zeit für das Erdenken der Programme noch gar nicht mitgerechnet. Oft fuhr ich dann nachmittags in das Rechenzentrum, um ein Programm "zum Laufen zu bringen". Ungezählte Male machte mir die «Kiste» einen Strich durch die Rechnung: "Error" oder «Fatal Error» war die Meldung der Maschine, also im Programm waren Fehler. Ich sehe mir den Computerausdruck an; ja natürlich, wenn ich so einen Unsinn programmiere, dann «kann das Ding ja nicht laufen. Ich korrigiere den Fehler, jetzt wird es sicher gehen. Nein, andere Fehler. Erneutes Suchen. Nach mehr oder weniger langem, konzentriertem Nachdenken, das in seiner Art dem des Schachspielens ganz verwandt ist, konnte auch dieser Fehler behoben werden. - Aber jetzt wird es klappen. Nein, die gleiche Fehlermeldung, es war also doch noch etwas anderes falsch. So geht das stundenlang. Wenn dann die Hoffnung steigt, daß das Ende der Sitzung nicht mehr fern sein kann, "bricht das System zusammen», d. h. das Programm, das die Maschine verwaltet, macht Fehler. Nun muß das System erst neu in die Maschine "geladen", werden. Das dauert eine halbe bis zwei Stunden. «Blöde Kiste!» schimpfe ich vor mich hin. Solange ist kein Rechenbetrieb möglich. Soll ich nun nach Hause fahren? Doch das lohnt sich nur, wenn es wirklich länger als zwei Stunden dauert - also warten. Warten in einem Raum, der erfüllt ist vom dauernden Surren der verschiedenen Gebläse, beleuchtet vom bleichen Licht der Neonröhren. Fenster, geschweige denn Blumen, gibt es nicht. Milchweiß gekalkt, eine Tafel, ein paar Plastiktische, zwanzig Bildschirmgeräte. Einige Menschen, die so fade aussehen wie der Raum selbst: hohle Augen, schlappe Haltung, Bart, alles formlos im Ausdruck, die Gesichter bleich, teils ausgemergelt und ausgehöhlt. Und ich? - Auch nicht besser. Ich habe zwar noch immer keinen Bart, aber mein Blick stiert durch die Wände hindurch. Ich merke gar nicht, daß ich nur mit einem Auge sehe. Viele schielen hier mit einem Auge nach außen. - Also warten. Aber jetzt kommt die Wirkung der intensiven Arbeit an der Maschine: Es fängt an zu denken: könnte man nicht ein gewisses (nüchtern betrachtet: völlig belangloses) Problem viel eleganter dadurch lösen, daß man ... (Rollenaustausch: jetzt bin ich die Maschine und werde programmiert). Mit Hilfe meiner Intelligenz programmiert es mich. «Ich will eigentlich nicht!, - Es wäre aber doch interessant und dann ausgesprochen elegant". Es ist furchtbar, ich will nicht, aber ich kann nicht anders. Das hat man im Mittelalter bestimmt Besessenheit genannt. - Ah, die Kiste läuft wieder. fast wie auf ein Kommando beginnt das Geklapper der Menschenhände auf den Tastaturen. - Ist ja klar, jetzt muss ich erst einmal die neue Idee testen, ob das tatsächlich funktioniert. Es funktioniert natürlich nicht, weil Fehler drin sind. Nach zwei Stunden Testen war immer noch eine «Macke" im Programm. Immer erneutes Durchdenken der Programmschritte. Da, das ist er, ja, das muß der Fehler sein. In fliegender Eile und mit fahrigen Bewegungen korrigiere ich und «baue» dadurch natürlich neue Flüchtigkeitsfehler ein. Als endlich alle beseitigt sind, kommt die große Enttäuschung: das Problem ist so gar nicht lösbar. Ärgerlich schiebe ich die Unterlagen zur Seite. Wieder war ich für Stunden Knecht der Maschine. Ich war ja eigentlich gekommen, um für das Laborgerät zu programmieren. Also daran weiter. Nach ungezähltem Versuch und Irrtum läßt sich das Problem zu einem vorläufigen Abschluß bringen (Was ich damals noch nicht wissen konnte: das Programm wird später nie benutzt werden). Mir reicht's. Ausgehöhlt, unruhig und zerschlagen wie nach einer langen Autofahrt in dichtem Verkehr bei Nacht packe ich meine Sachen, verabschiede mich von den letzten der einsamen Kämpfer - die anderen sind vorher schon gegangen - mit: "Also Tschüss denn und viel Glück noch!” - "Hm, ja danke". Er sieht kaum auf und ich gehe. Nun ist es schon wieder hell geworden! Na, wenigstens die Morgenstimmung ist echt! Im Auto kommen die Gedanken an das alte, belanglose, aber ungelöste Problem wieder. Da - verflixt, mir kommt ein Einfall: so könnte es vielleicht doch lösbar sein. Soll ich zurückfahren? Die Situation ist unentschieden: eigentlich bin ich viel zu müde und habe außerdem gar keine Lust. Aber es zwingt: es wird wahrscheinlich doch so funktionieren. Ich fluche halblaut auf die blöde Kiste, aber leihe ihr für heute morgen nur noch mein müdes Bewußtsein, zu sehen bekommt sie mich nicht. Bis an die Schwelle des Schlafes nagt dieses elende Problem an mir. Endlich kann ich in den Schlaf entfliehen. |
Ich muss Dich also vor meinem Brief warnen: natürlich hoffe ich, dass es ein Brief über Ahriman wird. Ich kann Dir aber nicht garantieren, dass er mich nicht doch an einigen Stellen täuscht und auch in diesem Brief seine Ziele verfolgt. Das heisst, ich kann Dir die Prüfung nicht abnehmen, zu entscheiden, ob alle Stellen "sauber" sind. Das aber ist gerade mein Anliegen in diesem Brief, zu zeigen, dass das klare Urteil die scharfe Waffe ist, der Ahriman sich beugen muss.
Ich möchte Dir das anhand einer kleinen Konzentrationsübung erläutern machen: Wir kennen die Situation ja gut: Ich konzentriere mich auf ein Streichholz und lande über das Baumsterben bei der letzten Aktion von Greenpeace. Aber hast Du Dich mal gefragt, ob man beobachten kann, wie eine Ablenkung auftritt? Ich behaupte, Du wirst das Auftreten einer Ablenkung nie beobachtet haben. Denn hättest Du sie beobachtet, wäre es keine. Zur Ablenkung gehört, dass sie unbeobachtet bleibt. Rückblickend kann ich natürlich schon merken, dass mein Wille, mich auf das Streichholz zu konzentrieren erlahmt, dass dann sich anderes an seine Stelle setzt - und plötzlich bin ich nicht mehr Herr meiner selbst: Ich bin (von fremdem Willen) besessen, denn ich wollte ja konzentriert sein. Für mich war nun ausserordentlich aufschlussreich, diesen fremden Willen zu untersuchen: Was will er und wie macht er das? Was er will, ist schnell gesagt: er will gerade das, was ich nicht will! (Natürlich sollte man die Untersuchung hier verfeinern, aber das geht dann in Richtung Doppelgänger, und den habe ich noch nicht so weit, dass ich ihn hier vorführen mag...) Und wie macht er das? Auch das ist leicht zu bemerken: Er ist darauf angewiesen, dass ich ihn nicht bemerke!
Für mich ist in dieser Übung die Grundnatur der ahrimanischen Seite des Bösen beschrieben: Es wirkt, indem es sich verbirgt. Wird es durchschaut, ist die Wirkung vorbei: Ich kann es handhaben. "Hoffentlich", wirst Du vielleicht sagen. Ja natürlich, ich beschreibe hier zunächst die Wirkungsweise vor der Sucht, also den Irrtum. Die nächste Stufe in der Sucht besteht dann darin, dass ich zu meinem eigenen Willen ein abstraktes Verhältnis habe: Ich sehe etwas ein, aber ich tue es trotzdem nicht (Vgl. Paulus-Zitat s. Kasten).
| Mit meinem Tun hält mein Erkennen nicht Schritt. Denn nicht, was ich will tue ich, sondern das, was ich verabscheue, das tue ich. ... Eigentlich bin ich es gar nicht selbst, der so handelt, sondern die meinem Wesen einwohnende Sünde ist es. Und damit ist klar, dass in mir, d.h. in meinem physischen Leibe das Gute nicht wohnt. Das Gute zu wollen ist mir gegeben, es zu vollbringen, nicht. Nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber das Tue, was ich nicht will, so bin ich eben nicht selbst das Subjekt meines Handelns, sondern die meinem Wesen einwohnende Macht der Sünde. Röm. 15 - 20 |
Was Maja sei, wissen wir als Anthroposophen recht schnell: Alles was nicht geistig ist, ist Maja, ist von Ahriman vorgetäuscht, aber eben keine Wirklichkeit.
Ich finde es ganz unsinnig, zu sagen, die Sinneswelt ist nicht wirklich. Selbstverständlich ist sie wirklich: Ich kann mir doch an dem viel zitierten heissen Eisen tatsächlich die Finger verbrennen! Wer die Wirklichkeit der Sinneswelt zu leugnen versucht, dem fehlt der praktische Zugang zu dem, was ihm in der Gegenwart zunächst überhaupt Entwicklung ermöglicht. Denn er wird zur Wahrheit kein Erfahrungsverhältnis finden, weil nur in der Sinneswelt Irrtümer durch die ihr innewohnenden Gesetze korrigiert werden. (Die falsch dimensionierte Brücke stürzt wirklich ein.) Hier unterscheidet sich die Sinneswelt grundsätzlich von der geistigen Welt: In der geistigen Welt findet man auch Regionen, die illusionären Charakter haben, d.h. die so sind, wie man sie sich wünscht. Das ist ja bereits im Sozialen der Fall: Ich projiziere meine Stimmung in den anderen Menschen, und er reagiert entsprechend... Ohne das an der Sinneswelt geschulte Gefühl für die Wahrheit (Evidenz) kann ich nicht entscheiden, welchen Wirklichkeitsgrad eine Erfahrung hat. Also wehe denen, die die Sinneswelt nicht schätzen können.
Ich halte diesen Maja-Begriff sogar für ganz unchristlich. Immerhin hat sich der Christus mit dieser vermeintlichen "Maja" verbunden. Ein solcher luziferischer Maja-Begriff entsteht nach meinem Verständnis, weil man mit Ahrimans Wirkung auf die Sinneswelt nicht zurecht gekommen ist. Bildhaft gesprochen schickt Ahriman diese Seelen, mit denen er nichts anfangen kann, zu Luzifer.
Was aber ist dann Ahrimans Einfluss bei dem Entstehen von Maja? Er will uns glauben machen, dass die Umkehrung gilt: Alles was sinnlich ist, ist nicht geistig. Und er bemüht sich zu zeigen: Ausserhalb dieser Sinneswelt findest du nur Maja.
Ich glaube, hier ist eine Linie, an der wir die Grenze der berechtigten ahrimanischen Wirksamkeit von der unberechtigten scheiden können: Die Wertschätzung der Sinneswelt schafft die Fähigkeit einer klaren Erkenntnis und das Gefühl für die Wahrheit. Nicht ohne Grund gelten die Techniker als diejenigen, die durch ihren Beruf klares, sachgemässes Denken lernen, das sich an den gegebenen Tatsachen orientiert. Man könnte sagen, wer in Ahrimans Gebiet arbeitet, erwirbt sich gerade dadurch die Kräfte, die ihn überwinden können, indem er seine Wirksamkeit klar durchschaut. Aber Ahriman beschränkt sich ja nicht auf sein Gebiet, die Sinneswelt zu preisen, er versucht den Menschen durch die Erkenntnis des Objektiven sich selbst zu entfremden. Er suggeriert: Wenn du erkennen willst, musst du von dir absehen, du musst dich nach aussen an das Objektive, das ohne dein Zutun Gegebene wenden. Du darfst für die Erkenntnis nur unbeteiligter Zuschauer sein! Sobald es ihm gelingt, uns glauben zu machen, dass wir selber nur Störenfriede der wirklichen Erkenntnis sind, sie muss doch ohne unser Zutun am besten automatisch zustande kommen, dann hat er erreicht, was er will.
Ihm gelingt das besonders mit Hilfe unserer tatsächlichen Irrtümer, die ja dadurch zustande kommen, dass wir in uns den Erkentnisprozess willkürlich stören. Er macht sich diese Halbwahrheit zu nutze: "Finger (Gefühle, Stimmungen) weg vom Erkenntnisprozess, oder du kommst in Teufels Küche." Genauso muss man allerdings sagen: "ohne den Mut dich selber zum Erkenntnisorgan zu machen, bleibst du in Teufels Küche."
Natürlich muss ich das Denken sich nach seinen eigenen Gesetzen in meinem Bewusstsein entfalten lassen, jeder Eingriff führt zu Irrtum. Dennoch, ich bin es, der ich mit meiner Aufmerksamkeit (Denkwille) die Geistesbühne zur Verfügung stelle und die Zuschauer im Zaum halte, wenn die Gedanken ihre Auftritte haben. Dabei obliegt mir sogar etwas die Regie, die grundsätzliche thematische Ausrichtung der Aufmerksamkeit.
Gleichwohl kann ich den Stoff für den Auftritt vorgeben: Meine Erfahrungen und hier ist die Küchentür aus jener Küche (im obigen Sinne): Ich muss lernen, meine Erfahrungen so auf dieser Bühne auftreten zu lassen, wie sonst alle übrigen (Welt-)inhalte. Das ist der Versuch, zu dem Du mich mit Deiner Anfrage herausgefordert hast. (Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode, wie das Motto der Philosophie der Freiheit Rudolf Steiners lautet.)
Hier sind allerdings einige Schritte radikaler Selbsterkenntnis (siehe auch Beitrag von G. Göltzer) erforderlich (Bühne putzen): Erst wenn ich meinen Erfahrungen so unbefangen gegenüberstehen kann, als ob sie eine mehr oder weniger bizarre Landschaft darstellten, kann ich mir Hoffnung auf Gewahrwerden einer nicht nur persönlichen Welt machen. Aber hier hat Ahriman Furcht gesät: Sich selber auszuhalten als niederer Egoist, der alles für sich haben und behalten will, gehört zum Erschütternsten, was dieser Erkenntnisweg zunächst bietet. Ich möchte sagen, eine Übersetzung des "Erkenne dich selbst" ist "Lerne dich leiden können." (Leiden im wirklichen Sinne des Wortes.) Hier zerbrach mancher in Hochmütigkeit, weil er nicht entdecken mochte, dass ihn seine innere Arbeit, die ihn doch zum Besten machen soll, was er anzustreben fähig ist, eben erst einmal als den "Dreckskerl" enthüllen wollte, dem er doch gerade zu entkommen versuchte...
Abstraktion ist sogar zum Werkzeug geworden: Durch Computer werden wir angeleitet, zu abstrahieren, von allem Inhaltlichen abzusehen, nur noch auf die Form zu achten. So titelte Der Spiegel vor Jahren: "Der Computer befreit die Arbeit vom Inhalt."
Als wir in der Hiscia (siehe Kasten Biographie) entscheiden mussten, ob wir für unsere zweite Mischmaschine (eine HighTech-Maschine, ich komme noch genauer darauf) eine konventionelle Steuerung oder eine Computersteuerung entwickeln sollen, (ich war natürlich für die Computersteuerung) war das Hauptargument gegen eine solche programmierte Steuerung: Man verliert das Gefühl für den Prozess. Mein Argument war: "Die Maschine soll sich selbst kontrollieren. Auf diese Weise kann man sich dem Prozess unbehindert widmen." Wenn ich dieses Argument heute bewerte, so findet es wohl Ahrimans Zustimmung. Vielleicht wird es Dich wundern, aber ich stehe trotz dieser Bewertung auch heute zu der damaligen Entscheidung und würde auch in Kenntnis der dadurch entstandenen Probleme wohl wieder so entscheiden. (Ich hätte Verständnis, wenn Du sagst: "Hier, Andreas, bist Du nicht frei.") Trotzdem stimmt auch das erste Argument: ich bin ständig in der Gefahr, das Gefühl für die Prozesse zu verlieren.
Als wir noch mit Rechenschiebern rechneten, mussten wir immerhin die Grössenordnung des Ergebnisses überschlagen, um zum Gesamtergebnis zu kommen. Wenn ich heute etwas im Kopf rechne, dann prüfe ich es "zur Sicherheit" mit dem Taschenrechner nach...
Damit kommen wir auf die Frage der Grenzlinie zwischen Mensch und Maschine. Bis in die 70'iger Jahre hinein, gab es Fliessbandarbeit. Diese Arbeit gibt es heute nicht mehr, sie wird von Maschinen verrichtet. Aber die Arbeitsplätze sind auch nicht mehr da. Dafür gibt es neue: Programmierer, Operateure, usw. Es sind wohl insgesamt nicht weniger Arbeitsplätze geworden, aber anspruchsvollere. Dennoch meine ich, dass die rein mechanische, stereotype Arbeit an die Maschine delegiert werden kann, vielleicht sogar sollte.
Hier gibt es aber Grenzen. Erinnerst Du noch, als wir Jungen waren: Die Strassenbahnen hatten damals noch Schaffner. Und ein Anhänger hatte in etwa die Stimmung, die auch sein Schaffner hatte. War er gut gelaunt, so lag ein Lächeln über den Fahrgästen, hatte er aber einen schlechten Tag erwischt, so breitete sich sein Missmut ansteckend über den ganzen Wagen aus. Nun entdeckten die Verkehrsbetriebe, dass ja ein Fahrkartenautomat keine Ferien und keine Altersversorgung braucht, selten "krank" ist und nur manchmal "streikt". Also wurden die Schaffner durch Automaten ersetzt. Das rechnete sich eine Weile ganz gut. Aber auf die Dauer führte die Entpersonalisierung (Abstraktion!) der Strassenbahnwagen zu einer Zunahme der kriminellen Delikte und damit zum Umsatzrückgang: Wer traut sich noch abends auf bestimmten Linien mit der Strassenbahn zu fahren. Und siehe: z.B. die Linie 12 in Amsterdam fährt aus diesem Grund wieder mit Schaffner...
Die Abstraktion ist ein Verfahren, durch dass man Abstand zur Umgebung gewinnt. Es ist also in gewissem Sinne ein weltfremdes, genauer: ein weltbefremdendes Verfahren: Es excarniert. Dies ist der Bereich des zerstreuten Professors, der gefangen von seinen Gedanken an sein Fach zu allem anderen nur ein fernes (abstraktes) Verhältnis hat.
In Göttingen wird über David Hilbert, einem berühmten Göttinger Mathematiker dieses Jahrhunderts folgende Geschichte erzählt: Hilberts geben in ihrem Hause abends einen Empfang. Als bereits die ersten Gäste kommen, sagt Frau Hilbert zu ihrem Mann: "David, deine Krawatte passt nicht zu deinem Anzug. Du muss sie schnell noch wechseln. David Hilbert verschwindet, aber er kommt nicht wieder. Nach einer Weile geht seine Frau ihn suchen und findet ihn im Bett wieder. Was war passiert? Das Ausziehen der Krawatte ist der erste Schritt des abendlichen "Programms", um das Zubettgehen einzuleiten. Da David Hilbert mit seinen Gedanken jedenfalls nicht bei dem abendlichen Empfang war, hatte der das "Programm" vergessen zu "stoppen"...
Dieses zerstreute Spezial-Bewusstsein ist schwach, obwohl es sich einem Problem mit aller Hingabe widmet. Es ist kaum fähig zu lenken, was in ihm vorgeht. So sitze ich beispielsweise in einem nicht ganz fesselnden aber immerhin interessanten Vortrag über Christentum und entdecke, dass gerade an "heiligen" Stellen mein Bewusstsein fremde Wege geht: Progammier-Gedankenfetzen wollen (erstaunlicher Weise gerade dann) unaufhörlich stören.
Abstraktion ist Gift für Kinder. Sie wollen sich mit der Welt gerade verbinden, für diesen gesunden Impuls wirkt Abstraktion so, als ob man ihnen den Boden unter den Füssen entzieht. (vgl. auch den Beitrag von Georg Kniebe.)
Also Sonderwünsche werden ungern befriedigt. Ein Grund, der infolge der CAD-Programme (Computer Aided Design), die heute für die Architektur verwendet werden, dafür sorgt, dass die Konstruktionen beispielsweise der Gebäude oder der Autokarosserien recht gleichartig aussehen. (vgl. Beitrag von Marin Faase über Architektur)
Das Individuelle stört den nach einfachen Regeln ablaufenden Prozess! Es ist eben nicht (gut) berechenbar. Auch wohl darum mag Ahriman das Individuelle nicht.
Heutige grössere Programmprojekte werden von keinem (menschlichen) Bewusstsein überschaut. Jeder arbeitet nur an seinem Teil und achtet darauf, dass er die Verknüpfungsbedingungen zu den anderen Teilen einhält. Man spricht heute von OOP (Objekt-orientierter Programmierung). Damit ist ein Verfahren gemeint, dass diesem Mangel an Übersicht begegnen will: Die Programmteile (Objekte) sind nach aussen ganz abgeschlossen ("autistisch"), sie haben eine definierte Schnittstelle über die sie allein gesteuert werden. Das hat zwar einiges erleichtert, wenn man sich daran hält, aber löst auch nicht alle Probleme. Als ich meine Dissertation machte, hatte ich für eine Messaperatur auch ein Steuerprogramm gebaut. Ich hatte damals von OOP noch keine Ahnung. Obwohl ich ja sogar alles selbst programmiert hatte, getraute ich mich gegen Ende der Zeit nicht mehr an diesem Programm Änderungen vorzunehmen, weil ich mehrfach nach Änderungen ganz unvorhergesehene Effekte in ganz andern Teilen des Programmes beobachtete. Ich wurde "Knecht" meines eigenen "Geschöpfes"...
Ich will Herr sein über meine selbstgeschaffene
Welt (siehe Beitrag von Michael Eggers) und mache mich dadurch
gerade von ihr abhängig.
|
In meiner Arbeit in der Hiscia habe ich mit einer
Mischmaschine für die Präparation der Mistelsäfte
für unser Krebsheilmittel zu tun. Diese Maschine geht auf
Angaben Rudolf Steiners zurück. Sie besteht im Wesentlichen
aus einem sehr schnell rotierenden grossen Teller, in dem Saft
von Misteln, die im Winter geerntet wurden, gemischt wird mit
Saft von Misteln, die im Sommer geerntet wurden. Diese beiden
Säfte werden im Rand des Tellers unter extrem hohen Geschwindigkeiten
(ca. 1900 Km/h) gemischt. Auf die Säfte wirken dabei Kräfte,
die das 55 000-fache der Erdanziehung betragen. (Teller:
10'000 U/min, 1m Ø)
Diese Maschine liegt an der Grenze des technisch Möglichen, die erste Maschine, die diese Belastungen aushält, ist Ende der 60'iger Jahre bei uns in Betrieb genommen worden. Mittlerweile haben wir eine zweite, baugleiche für die Produktion. Die erste dient mir zu Forschungszwecken. Überlegungen führten nun dazu, die vorhandene Titan-Scheibe durch eine leichtere Kunststoffscheibe zu ersetzen. Die Geschichte dieses Kunststoffscheiben-Projektes ist, man könnte mit Abelard sagen, eine Fama calamitatis (Geschichte der Unglücke). Ich habe bei einem Projekt noch nie soviel Pech gehabt. Ein Beispiel von vielen: Da der Kunststoff selbst nicht lebensmittelfreundlich ist, muss er eine Schutzschicht haben, die eine Lebensmittelzulassung hat und den extremen Belastungen standhält. Nach einer Reihe von Misserfolgen fand ich schliesslich in einem kleinen Dorf eine Firma, die auf diesem Gebiet viel Erfahrung hat. Wir fanden sogar eine Schutzschicht, die die genannten Bedingungen erfüllt. Also Scheibe (200Kg schwer) in gemieteten LKW verladen und dort hin bringen. Das ganze lief innerhalb eines festgelegten Zeitplans, da es sich hier um Grosstechnologie handelt. (Bei Grosstechnologien sind die Hauptprobleme die Lieferfristen, da es für die Bearbeitung solcher Ungetüme nur wenige teure Maschinen gibt, die meist gut ausgelastet sind.) Einen Tag vor Liefertermin ruft mich der Fachmann dieser Firma an und sagt: "Es tut mir furchtbar leid, aber ich bekam während des Auftragens der Schutzschicht einen Telefonanruf. Wir sind ins Reden gekommen... Dadurch ist die Schicht zu früh angetrocknet: Ich musste sie noch einmal abschleifen. Sie können die Scheibe leider erst in einer halben Woche holen." Dadurch verpasste ich aber bei der anderen Firma den lang geplanten Termin für die Benutzung ihrer Schleudergrube: "In zwei Wochen ist der nächste Termin möglich." Aber nein: Der Firma explodiert in der Zwischenzeit ein Testrotor in der Schleudergrube: 6 Wochen Reparaturzeit. Und immer die Frage: Sind das Zeichen das Projekt abzubrechen, oder bedeutet dass nur Prüfung: am Widerstand gewinne. (Die am Projekt beteiligten Kollegen empfahlen mir alle: "Lass das sein") Das Ende dieses siebenjährigen Projektes führte mich zu einer verhältnismässig persönlichen Begegnung mit dem mächtigen Herrn der Technik: Bevor diese Scheibe (es war bereits die dritte Version) bei uns in der Hiscia laufen darf, muss sie einen Schleudertest absolvieren. Sie wird in einer evakuierten Stahlkammer auf 12'000 U/min gebracht, damit wir sicher sein können, dass sie die 10'000 U/min bei uns auch wirklich aushält. Die Beschleunigung auf diese Drehzahl dauert etwa 20 min. In einer Fussballfeld-grossen Maschinenhalle stehen wir, der Operateur, der Meister und ich um die Mittagszeit bei diesem Test und beobachten gespannt eine Anzeige, die den Rundlauf der Scheibe (Unwucht) anzeigt. Bei 9'000 U/min wird der Wert plötzlich deutlich schlechter. "Jetzt isch öppes gange" meinte er Meister lakonisch. Bei 10'500 U/min springt die Anzeige wieder zurück, sogar unter den vorherigen Wert. Wir sehen uns halb erleichtert, halb verunsichert an. Bei 11'250 U/min springen wir alle drei in Deckung: Dumpfes dröhnendes Poltern 2-3 Minuten lang durch gespenstische Pausen unterbrochen. Glücklicherweise halten die Stahlkammern die Schläge aus: Meine Scheibe ist explodiert (geborsten). Als endlich Ruhe herrscht, öffnen wir mit einem Motor die Kammer: Qualm. Der Versuch, sie wieder zu schliessen, scheitert: Die Kammersteuerung war bereits verschmort. "Soll ich die Feuerwehr aufbieten?" fragt der Meister. "Ja, wir müssen die Wärme da herausholen." antworte ich. Er alarmiert die Werkfeuerwehr. Der Brandmeister ist auch schnell da und besieht sich den Schaden. Mittlerweile hat der stinkige Qualm zugenommen und beginnt die Halle zu füllen. Die Arbeiter in der Halle verfolgen jetzt interessiert unseren Unfall. Dann geht der Brandmeister einen Feuerlöscher suchen. (In der ganzen Halle war allerdings keiner zu finden!) Er kommt dann mit zwei Kohlensäurelöschern wieder. Der erste wird in die Kammer gelehrt. Der nun weisse Dampf erinnerte mich an das Bühnenbild der faustischen Hexenküche... Nach kurzem war aber das Kohlendioxid aufgewärmt und der Qualm setzte sich wieder durch. Der zweite Löscher wurde in die Kammer gelehrt. Die gleiche Szenerie. Nachdem erneut der Qualm austrat, knisterte es. Interessiert beugten sich einige "Zuständige" über die Öffnung der Kammer. "Wumm" machte es, und ein Feuerwirbel mit einem Durchmesser von 1 m stieg aus der Kammer auf. Glücklicherweise wurde keiner von den "Zuständigen" verletzt. "Jetzt ist der Teufel draussen!" dachte ich. Nun wurde kurzer Prozess gemacht: Schaumlöscher in die Kammer und Riesenschweinerei: Glasfaser und Kohlefaser verkohlt mit Epoxid-Harz in Schaum verrührt. Die armen Kerle, die das saubermachen mussten. Die Leute dort, wir hatten uns im Laufe der Zeit gut kennengelernt, waren geradezu mütterlich zu mir: Sie wussten, dass mir hier ein jahrelanges Projekt buchstäblich explodiert war. Keiner, der sagte; das habt ihr davon, wenn ihr Fremdaufträge ausführt. Auf der Rückfahrt, einige Trümmer nahm ich mit zurück, war ich einigermassen zerknirscht, als sich mir während des Fahrens die ganze Stimmung in das Bild eines mächtigen, dumpfe Gewalten beherrschenden Riesens zusammenfasste. Leider war ich in dieser Situation nicht genügend unbefangen, um dieses Bild weiter zu differenzieren. Seitdem ist aber mein Respekt vor Ahriman gewaltig gestiegen. Der Teufel war übrigens mit dem Feuerwirbel tatsächlich aus dem Projekt ausgefahren. Der nachfolgende Umbau der vorhandenen Titan-Scheibe lief "wie am Schnürchen"... |
Auf der anderen Seite weist Rudolf Steiner die Eurythmistinnen darauf hin, dass sie für ihre Veranstaltungen Eintritt nehmen müssen, weil er Ahriman diese Kunst abgerungen habe - und der müsse Geld dafür haben. Dieser Hinweis wurde mir eines Tages hilfreich, als es um die Entscheidung ging: Sollen wir wirklich eine teuere Maschine anschaffen. Die Abteilung, in die ich in dem damaligen Institut eintrat, war dogmatisch sehr festgelegt; trotz mehrerer Versuche konnte ich keine Entwicklung in Gang setzen. Letztlich ausschlaggebend für meine innere Rechtfertigung, soviel Geld aufzuwenden, war die Hoffnung, es könnte sich um "Lösegeld" handeln, mit dem die Dogmatik dieser Abteilung erodiert werden kann. Tatsächlich begann die Erosion mit Ankunft dieser Maschine und führte zu neuen Entwicklungen. Natürlich, das muss nicht daran gelegen haben, aber auffällig war es schon. Ich will versuchen, diese Frage an einem weiteren Projekt zu prüfen.
Ein anderer Aspekt, der mit Macht häufig zusammen auftritt ist die Unnahbarkeit. Diese Art von Macht beruht wohl auch auf Distanz (=Abstraktion). Die Mächtigen geben sich unnahbar und zeigen sich gewöhnlich bei genauerem Hinsehen ganz furchtsam und hilflos ohne ihren Apparat. Den aber verstehen sie zu lenken und zu beherrschen.
Der wirklich grosse Mensch braucht keinen Distanz-Apparat. Er wirkt durch sein Sein. Wir kommen hier in eine Welt der Paradoxien, die Ahriman ganz verschlossen ist: Beispielsweise christliche Machtausübung ist Machtverzicht. Oder: Ein guter Zwinger zwingt nicht. Gerade durch das Zurücknehmen der eigenen Fähigkeiten (nicht der "Verzicht" auf etwas was ich gar nicht kann) setze ich andere in Stand etwas zu leisten, was ohne diesen Verzicht nie möglich geworden wäre, selbst wenn ich alle meine Fähigkeiten eingesetzt hätte. Diese christliche Welt der Paradoxien ist eine noch kaum entdeckte und doch sehr vielfältig: z.B. grösste Selbstverwirklichung ist Selbstlosigkeit: Der Redner, der sich selbst geniesst - "Habt ihr ein Glück, dass ihr mich hören dürft" - wird sein Publikum bestenfalls amüsieren, der andere dagegen, der ganz an sein Thema hingegeben ist und auf sich selber gar keine Rücksicht nimmt; von ihm wird man sagen: das war wieder ganz hervorragend und ganz charakteristisch für ihn, so kann nur er sprechen...
Aber die "Störgeister" lassen nicht locker: seit 8 Wochen warte ich auf die Prüfung eines früher geschriebenen sehr komplexen Programmes durch eine internationale Kommission. "Natürlich" bekomme ich gerade jetzt die Nachricht, dass die Prüfung begonnen hat... Zwei Tage haben sie mich dann mit "wichtigen" Nebensächlichkeiten abgelenkt. Trotz Vorsatz habe ich an Deinem Brief nicht weitergeschrieben. Als ich dann weiterschreiben wollte, fiel mir nichts ein. Heute habe ich es aber von langer Hand vorbereitet: Den Vorsatz fest entschlossen mit in den Schlaf genommen und den Tag in dieser Hinsicht einigermassen "keusch" verbracht.
Ich bin immer wieder überrascht, wie fintenreich Ahriman ist, denn eigentlich hat er doch einen schlechten Stand: er muss sich dauernd etwas Neues einfallen lassen, um mich bei der Stange zu halten; aber er schafft es immer wieder...
Hier bewahrheitet sich das alte Sprichwort: Der Teufel liegt im Detail. Die grossen Linien zu stören, scheint nicht das Kampffeld Ahrimans zu sein. (Da ist vermutlich mehr "sein Bruder" Luzifer Zuhause.) Das ist allerdings auch recht heimtückisch: Wie oft meinen wir, wenn wir die grossen Perspektiven beschlossen haben, dass schon die Hauptsache erledigt sei.
Vermutlich gibt es hier eine Abstufung: Zunächst werden die seelischen Widerstände angeregt ("keine Lust", "ist doch nicht nötig", "ist doch nicht so wichtig" usw.) Wenn das nicht mehr "hilft" kommen die äusseren Widerstände. (Terminkollisionen, beim Computer Systemabstürze) Allerdings scheint es, als ob in den äusseren Ereignissen auch Ahriman in den grossen Schicksalsablauf eingebunden ist: Er kann nur eingeschränkt machen, was er will. Das gilt jedoch auch am anderen Ende, der seelischen Bestimmung: Wenn ich durchschaue, was ich mache, dann kann ich wissen, dass Ahriman hier keinen verborgenen Einfluss gewinnen kann. An dieser Stelle ist der Mensch tatsächlich auch Ahriman gegenüber souverän.
Wenn ich programmiere, dann habe ich das Bedürfnis, saubere und originelle Arbeit zu leisten, einerseits um der Arbeit selbst willen, andererseits aber auch aus einer Art Perfektionismus, den ich mir versucht habe als Sanguiniker anzugewöhnen. Wenn ich von diesem Standpunkt aus mein Verhältnis zu Ahriman betrachte, dann will ich erreichen, dass er mich achtet. Dass ihm nicht egal ist, was ich mache, merke ich, wenn ich mich mit Dingen beschäftige, die seinen Intentionen zuwiderlaufen, z.B. diesen Brief zu schreiben: Er stört wo er kann.
Manchmal gibt es auch Faust-Situationen: Wenn du mich dafür haben willst, dann musst du schon mehr bieten... (z.B. Durchführung bestimmter Projekte und deren Bezahlung.) Auf Beispiele verzichte ich hier lieber...
Na, Frank, fragst Du jetzt, ob ich mich nicht schäme, solchen Deal einzugehen und dann darüber auch noch zu schreiben? Ist das nicht spirituell gesehen schon ein wenig kriminell? Natürlich schäme ich mich, aber das macht die Situation doch nicht anders. Meine Richtschnur ist hier der Satz aus Rudolf Steiners Mysteriendramen: "Es darf die Seele nicht stürzen wollen, aber wenn sie stürzt, muss sie aus dem Sturz Erkenntnis ziehen." Und wenn Du auf der Bühne hinter die Kulissen schauen willst, musst Du damit rechnen, das es nach Schweiss riecht. Aber ich denke, damit rechnest Du auch.
Natürlich es gibt auch Situationen, in denen ich Ahriman verachte. Etwa, wenn er ohne Niveau zu Lügen greifen muss, um unsere Arbeit, z.B. Waldorf-Schulbewegung, zu schädigen. Wenn schon Kampf, dann mit seriösen Waffen.
Allerdings ich habe auch den furchtbaren Ahriman verhältnismässig persönlich erlebt. (Siehe Kasten) Seitdem sind mir leichtfertige Scherze über ihn ziemlich vergangen.
Muss man Ahriman bekämpfen? Ich meine, nein: Hier kann die Konzentrationsübung wieder Vorbild werden: Wer versucht einer Ablenkung dadurch zu entkommen, dass er sie direkt bekämpft, wird sich nur immer mehr mit ihr beschäftigen. Hier sind Bilder des Kampfes Michaels mit dem Drachen wegweisend: Michael überwindet den Drachen "im Vorbeigehen". Sein Blick ist vorwärts gerichtet, oft zeigt sich eine göttliche Hand in seiner Blickrichtung. Und wie nebensächlich trifft sein Speer den Drachen. Auch der Menscheitsrepräsentant in der Dornacher Gruppe schreitet vorwärts zwischen den Versuchern hindurch, diese durch sein Sein korrigierend. [evt. Bild von Gruppe einfügen].
Die Hinwendung zum Geist an den Störungen vorbei scheint mir die Wirksame Strategie in dieser Welt zu sein.
Hier wirkt Ahriman stimmungsmässig, indem er die Begeisterung zerfasern will. Manchmal beobachtete ich bei mir eine Lustlosigkeit, anthroposophische Literatur zu lesen: "Geistgefasel". Hier ist wohl die Treue zu einer selbst gesetzten Prioritätenliste die Therapie, denn das Durchschauen, wer einem die Begeisterung verdirbt, führte bei mir trotzdem nicht dazu, nun mit "wehenden Fahnen" mich in den Geist zu vertiefen. Ich mache in einem solchen Fall "Dienst nach Vorschrift", d.h. ich versuche mein vorgenommenes Programm - auch zunächst missmutig - einzuhalten. Durch die frei gesetzte Selbstverpflichtung kann sich die Seele hier im Lot halten. Nach einer Weile der inneren Beschäftigung beispielsweise mit einem Text Rudolf Steiners, dämmern dann erste Interessensschimmer auf. Wieder ist es die Distanz (Abstraktion), die zum geistigen Inhalt den unmittelbaren Bezug - wie etwa im Staunen - verhindert.
Dieser auf meinen ersten Blick (noch) harmlose Aspekt seiner Wirkung ist bei genauerem Hinsehen ein Zentralangriff: Wieder wirkt er mit der alten Tour: "Komm, reg' dich nicht auf, das ist doch nun wirklich nicht so wichtig. - So ein bisschen Stimmung für (oder gegen) den Geist, na wenn schon!" Ich möchte fast als Gebrauchsanweisung im Umgang mit Ahriman sagen: alles was selbstverständlich scheint, muss scharf geprüft werden! Die Schule der Vorurteilslosigkeit. Wenn es ihm gelingt, uns Menschen von unserem geistigen Ursprung abzuziehen, indem wir diesen Ursprung missachten oder unterschätzen, hat er leichtes Spiel: wir sind in der Gefahr, haltlos zu werden, wenn wir die Selbstbesinnung (und damit die Entdeckung der geistigen Welt zunächst in uns) vernachlässigen, oder gar verachten. Den seiner selbst entfremdeten Menschen sucht Ahriman in dieser Verfassung zu halten und in seine Welt einzubinden.
Mit 1994 begannen die Wachstumsraten des Internet noch einmal deutlich zuzunehmen: Im CERN in Genf wurde ein Konzept geschaffen, mit dem man unabhängig vom verwendeten Computertyp formatierte Texte austauschen kann, sogenannte Hypertexte. Das Besondere an diesen Texten ist, dass sie einen Index enthalten: Jedes indexierte Wort erscheint in einer meist blauen Farbe. Wenn man mit Hilfe eines beweglichen Zeigers (er wird durch ein kleines Gerät, das einer Maus (entfernt) ähnlich sieht auf dem Bildschirm bewegt.) ein solches indiziertes Wort markiert (anklickt), dann erscheint als nächstes der zu diesem Wort gehörige Text. Wenn man also in dem Satz: Die Anthroposophische Gesellschaft trägt die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft. Die Worte Anthroposophische Gesellschaft anklickt, dann erscheint als nächstes auf dem Bildschirm eine Beschreibung der Anthroposphischen Gesellschaft, wenn dagegen die Worte Freie Hochschule für Geisteswissenschaft markiert werden, geht es mit einer Darstellung der Freien Hochschule weiter. Dort sind dann beispielsweise wieder Sektionen indexiert und führen zu weiteren Darstellungen. Diese Verfahren ist nicht neu. Bereits die Hilfetexte der bekannt gewordenen Windows-Oberfläche haben diese Struktur. Das bahnbrechende an diesem Konzept ist, das der Text, auf den ein indexiertes Wort verweist, gar nicht auf dem gleichen Rechner gespeichert werden muss. Beispielsweise führt der Verweis Landesgesellschaften auf eine Tabelle der verschiedenen Landesgesellschaften, z.B. USA.. Die zugehörigen Texte zu dieser Seite, etwa Waldorf-Schools in America liegen nicht auf einem Rechner in der Schweiz, sondern in Amerika. Der Benutzer merkt das gar nicht, wenn er nicht extra eine Anzeige einschaltet, die ihm die Quellen seiner Informationen charakterisiert. Auch braucht er nur allgemeine Benutzergebühren und die Telefonkosten zum nächsten Netzknoten, (gewöhnlich in der nächsten grösseren Stadt) zu bezahlen. Die Erfinder gaben diesem Konzept den sinnigen Namen: World Wide Web (Weltweites Spinnengewebe, WWW). Es ist zu erwarten, dass der Siegeszug dieser Technologie erst in den Anfängen steckt. Gegenwärtig wird darüber nachgedacht, wie man per Internet bezahlen kann. Sobald das realisiert ist, wird auch die kommerzielle Seite des Internet wohl einen Boom erleben.
Es zeugt von der Weitsicht Rudolf Steiners, wenn er am 13. Mai 1921 (GA 204) sagt: "Und aus der Erde wird aufspriessen Gezücht von Wesenheiten, die Ihren Charakter zwischen dem Mineralreich und dem Pflanzenreich drinnen stehen als automatenartige Wesen mit einem überreichlichen Verstande ... Die Erde [wird] überzogen werden wie mit einem Netz, einem Gewebe von furchtbaren Spinnen, Spinnen von einer riesigen Weisheit ... die das alles imitieren werden, was die Menschen ausdachten mit dem schattenhaften Intellekt."
Frank, bitte erschreck nicht, ich habe Texte über Anthroposophische Gesellschaft und Hochschule im Internet bereit gestellt (die technische Adresse ist: http://www.goetheanum.ch) Natürlich stellt sich sofort die Frage, muss das nun auch noch sein? Wir haben das hier am Goetheanum ziemlich diskutiert. Meine Überlegungen sind: Im Internet erreicht man die Menschen, die gewissermassen an der Spitze der technischen Entwicklung stehen und die meist recht geistvolle Leute sind. Ihre Sehnsucht nach menschlicher Begegnung wächst mit dem Verwachsensein in dieses Medium. Anthroposophische Gesellschaft hat ja gerade das Anliegen - auf der Grundlage einer geistigen Erkenntnis - Menschenbegegnungen zu pflegen, also genau das zu tun, was durch ein solches Netz immer abstrakter wird.
Auf der anderen Seite hat das WWW auf Grund einer grossangelegten Pressekampange zu Beginn 1995 Einzug in die Redaktionsräume gehalten. Schreibt einer was über Anthroposophie, wird er vielleicht im WWW nachsehen, ob die etwa auch etwas anbieten. Ich hoffe, dass seine Überraschung hier eine ganz weitgestreute Übersicht über die verschiedensten anthroposophischen Unternehmungen und Initiativen zu finden seinem Anliegen, etwas über uns zu schreiben, eine wohlwollende Grundstimmung auslöst.
Du kannst es Dir denken: Wenn schon Anthroposophie in Ahrimans Reich, dann möglichst professionell...
In der Vernetzung liegt wieder ein Anliegen Ahrimans, das er schon lange verfolgt: Im Faust gibt es die Szene "Am Brunnen vor dem Tore", in der Gretchen sich über die neuesten Geschichten "informiert". Diese Szene ist heute nicht mehr denkbar: Die Brunnen und damit die Möglichkeit dort Neuigkeiten auszutauschen sind durch das Wasserversorgungsnetz überflüssig geworden. Die Bequemlichkeit führt das Wasser direkt in den Haushalt. Die menschliche Begegnung am Brunnen gibt es nicht mehr. Hier zeigt sich am mechanischen Modell der Vernetzung, dass Technik das Leben bequemer macht, aber auch "weltfremder" (=abstrakt).
Nun führt aber auch die neue Technologie zu neuen Kommunikationsmöglichkeiten. Als ich vor zwei Jahren begann, meinen Rechner an ein solches Netz anzuschliessen, hatte ich bereits in der ersten Woche eine Programmmierin in der hintersten Wildnis ("in the boonies") von Tennessie kennengelernt. Ihr nächster Nachbar war über 500m Wildnis entfernt. Sie hat mir dann gleich begründet, warum sie dagegen ist, dass Frauen in Amerika keine Waffen haben dürfen, und mir genau geschildert, mit welchen Kalibern sie bewaffnet ist. Du fragst vielleicht, wie sie denn ihr Geld verdient: Sie hat einen Rechner und kommuniziert mit ihren (medizinischen) Auftraggebern, für die sie programmiert über das Netz. Diese Art von One Man Home Business breitet sich immer mehr aus. Dabei sind solche Ein-Mann-Unternehmen oft viel leistungsfähiger als grosse schwerfällige Unternehmen. ("Die Schnellen fressen die Langsamen"). Nun Du merkst, dass ich - so nebenbei - auch ein solches Ein-Mann-Unternehmen pflege. Man lernt auf diese Weise ganz eigene Bereiche kennen.
Für anthroposophische Kommunikation noch ein weiteres Beispiel: Ein Waldorf-Vater bei einer grossen Computerfirma in Amerika wollte gerne mit anderen über "Waldorf" und "Steiner" diskutieren. Er richtet eine Mailing-List ein und macht sie bekannt. Seit dem gibt es eine florierende Kommunikation weltweit über Waldorfthemen (jeden Tag ca. 5 - 10 Schreibmaschinenseiten voll).
Was ist eine Mailing-List? Im Wesentlichen ein Briefkasten, in den ich meine (elektronische) Post stecke, und die dann gleich an alle mit diesem Briefkasten verbundenen Empfänger gesandt wird. Wer zu dem, was ich schrieb, etwas zu sagen hat, schreibt nun seinerseits eine Nachricht (E-Mail) und steckt sie in diesen Briefkasten. So gibt es einen Briefkasten (Mailing-List) für WALDORF-Themen und einen anderen für STEINER-Themen. Jeder der will, kann sich in die Empfängerliste dieses Briefkastens eintragen.
Da es sehr einfach ist, zu antworten: Antworttext schreiben - Reply-Knopf drücken - ab geht die Post, ist die Versuchung gross, spontan, d.h. hier unüberlegt zu antworten. Was bei den Empfängern schon mehrfach Verärgerung auslöste.
Ich habe versucht die Frage zu untersuchen, ob mit einem solchen System seriöse anthroposophische Arbeit möglich ist. Ja und nein: einerseits gibt es in der STEINER-list eine internationale Arbeit an der Philosophie der Freiheit (natürlich auf englisch), die ein gutes Niveau hat, andererseits kommen von Zeit zu Zeit auch die Randgestalten, die uns mit ihren Ideen zu beglücken versuchen. In der WALDORF-list wirkt sich der internationale Charakter der Diskussionen sehr fruchtbar aus: Es zeigt sich, dass bestimmte Fragen (z.B. das Aufbäumen der Eltern gegen die allwissenden Lehrer) weltweit bekannt sind. Auch die multikulturelle Natur der Waldorfschulen in Amerika öffnet ganz neue Gesichtswinkel: Beispielsweise hatte ein Unterstufenlehrer zum 6. Dez. Vom Nikolaus erzählt und gesagt, dass man Abends seine Schuhe aufstellen kann. Wenn dann morgens nichts darin ist, dann ... Eine jüdische Mutter beklagte sich nun furchtbar über die mangelnde Übersicht des Lehrers: Sie kannte den Brauch nicht und hatte sich nur über die schön geputzten Schuhe gewundert. Sie fand morgens ein weinendes Kind...
Angeregt von der Szene Straders in Ahrimans Reich (Strader vergleicht seine von Ahriman angeregten Impulse mit seinen eigenen und drückt Ahriman die resultierenden Gefühle aus, was Ahriman im Weiteren eine Selbstdarstellung ermöglicht.) habe ich den Verdacht, dass Ahriman seine eigene Betriebsblindheit uns Menschen suggeriert. "Objektivität" ist alles, Gefühle stören nur die Abläufe.
Erstaunlicher Weise sind viele, die sich so gebärden, zu ganz triebhaften Gefühlen "verkommen". Da gibt es wohl Seelenprovinzen, die vorsichtig gesprochen nicht individuell durchdrungen sind. Es ist nämlich auffällig, dass in den Computernetzen die Bilder nackter Frauen die höchsten Zugriffsraten haben. Die Sehnsucht, nach wirklichen Erlebnissen, die ergreifen, wird normalerweise von der Welt der Abstraktion nicht erfüllt. Diese Sehnsucht sucht sich unter der Oberfläche des Bewusstseins andere Wege und gerät in Gebiete, die Lust auf abstrakte Art, das heisst ohne Wesensbezug ermöglichen. Auch hier ist wohl die Kunst gefragt, um diese Welt in ein individuelles Niveau zurückzuführen.
Aber noch tieferliegend ist die Frage, hat Ahriman selbst Gefühle? Wie soll man das untersuchen? Ich werde den Verdacht nicht los, dass er uns da ähnlich ist - oder wir ihm, wenn er uns besetzt: Tief im Innern durch "die ewig leeren Eisgefilde" geschützt eine geheime Glut, die er nicht beherrscht und deshalb verkapselt.
So sagt Strader im 8. Bild des dritten Mysteriendramas zu Ahriman:
In deinen rauhen Worten klinget Schmerz
Aus Dir; und Schmerz sind sie auch in mir selber.
Daraufhin sagt Ahriman zu Thomasius:
Ich kann dir Wahrheit geben, doch in Schmerzen,
Die ich seit manchen tausend Jahren leide,
Weil mich die Wahrheit hier wohl finden kann,
Sich aber erst von Freude trennen muss,
Bevor sie sich durch meine Tore wagt.
Im letzten Bild des vierten Mysteriendramas erscheint Ahriman dem Benediktus:
Er schaut mich wohl, doch kennt er mich jetzt
nicht.
So bringt er mir noch nicht den Schreckensschmerz,
Wenn ich an seiner Seite wirken will.
Und Benediktus antwortet, nachdem er ihn erkannt hat:
Er strebt das Menschendenken zu verwirren,
Weil er in ihm die Quellen seiner Leiden
Durch einen altvererbten Irrtum sucht.
Er weiss noch nicht, dass ihm Erlösung nur
In Zukunft werden kann, wenn er sein Wesen
Im Spiegel dieses Denkens wiederfindet.
So zeigt er sich den Menschen wohl; doch nicht
Wie er in Wahrheit wesenhaft sich fühlt.
Es scheint, als ob auch er sich uns zum Bilde schaffen will. Dann müsste das Vertiefen in dieses Bild die Innerlichkeit Ahrimans enthüllen. Sollte es tatsächlich sein, dass in den Tiefen Ahrimans ein kleiner zarter hilfloser schützbedürftiger "Junge" lebt, quasi als weicher Kern unter einer harten Schale? Frank, ist das nur ein Anthropomorphismus, oder liegt hier Neuland?
Wenn hier Neuland liegt, dann ist klar, warum Ahriman Selbsterkenntnis in dieser Richtung umfassend scheut. Er, der Mächtige (siehe oben) unterliegt dem gleichen Gesetz: Mächtig aus Unsicherheit.
Es scheint, als ob mein Brief auf Deine Anfrage zu einem Wendepunkt werden kann, in meinem Verhältnis zu Ahriman und seinem Reich. Ich hoffe, ich nehme den Mund nicht zu voll, wenn ich Dir schreibe: es wird sich in meinem Leben hier einiges ändern (müssen).
Lieber Frank, herzlichen Dank für Deine Anfrage.
Dein Andreas
|
|